Europäische Rechenzentren sollen bis 2030 klimaneutral sein

Europäische Rechenzentren sollen bis 2030 klimaneutral sein
09 Mrz 2021

Ende Januar 2021 haben wichtige Cloud-Anbieter, Betreiber von Rechenzentren und IT-Wirtschaftsverbände einen europäischen „Pakt für klimaneutrale Rechenzentren“ geschlossen. Das ambitionierte Ziel: Bis 2030 sollen alle Rechenzentren in Europa nachhaltig arbeiten, sprich die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht erhöhen. Sie kommen damit einer Forderung der EU nach. Bei der Umsetzung spielt auch die Wiederaufbereitung von IT-Hardware (Refurbished Hardware) eine wichtige Rolle.

Videos, Cloud-Dienste, Sensordaten aus Industrieanlagen und anderen IoT-Geräten oder die Informationen aus unzähligen Business-Anwendungen – die Menge der verfügbaren Daten wächst infolge der Digitalisierung geradezu exponentiell. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Rechenzentren zu, da dort die riesige Menge an Daten verarbeitet wird. Die Nachfrage wird künftig weiter steigen. Das heißt aber auch: Der Stromverbrauch dürfte ebenfalls weiter steigen.

Das würde dem European Green Deal widersprechen, dem Aktionsplan mit dem Ziel eines klimaneutralen Europas bis zum Jahr 2050. Im ersten Schritt sollen dabei die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 im Vergleich zu 1990 bereits um 50 bis 55 Prozent reduziert werden. Die Datacenter sollen dazu beitragen. Kurz nach Verabschiedung des EU Green Deals veröffentlichte die Kommission das Papier „Shaping Europe’s Digital Future“ inklusive der Forderung: „[Data centres] […] can and should become climate neutral by 2030“. Mit dem „Pakt für klimaneutrale Rechenzentren“ wollen die Unterzeichner diese Forderung erfüllen. Es handelt sich dabei um eine Selbstregulierungs-Initiative.

Zu den Unterzeichnern gehören die wichtigsten Firmen auf dem Markt für Rechenzentren, darunter illustre Namen wie Amazon Web Services, Atos, Equinix, Google, Microsoft, NTT oder OVHcloud. Hinzu kommen Wirtschaftsverbände von Datacenter-Betreibern aus vielen Ländern Europas. Sie alle bekennen sich zum europäischen Green Deal und zum Einsatz von Technologie und Digitalisierung, um das Ziel eines klimaneutralen Europas bis 2050 zu erreichen. Mit folgenden Maßnahmen will die Initiative Rechenzentren bis 2030 klimaneutral gestalten:

Energieeffizienz verbessern

Rechenzentren und Serverräume in Europa sollen einen hohen Standard für Energieeffizienz erfüllen. So müssen neue Rechenzentren bis 2025 und bestehende bis 2030 ein jährliches PUE-Ziel (Power Usage Effectiveness) von 1,3 (in kühlen Klimazonen) beziehungsweise 1,4 (warmes Klima) erreichen, sobald sie eine Leistung von mehr als 50 Kilowatt haben. Je näher der PUE-Wert an 1,0 rückt, umso energieeffizienter ist das Rechenzentrum. Zudem wollen die Branchenverbände noch eine neue, strengere Effizienzmetrik für Rechenzentren entwerfen.

Der PUE-Wert misst, wie viel eingesetzte Energie tatsächlich in Rechenleistung umgesetzt wird. PUE ist der Quotient der im Rechenzentrum eingesetzten Gesamtenergie (Total Facility Power Consumption) zum Energieverbrauch der IT-Geräte (IT Equipment Power Consumption). IT Equipment Power ist der Stromverbrauch aller IT-Geräte im Rechenzentrum, sprich Server und anderer Rechner, Speicher und Netzwerksysteme, Switches, Monitore und weiterer Peripherie- und Telekommunikationsgeräte. Total Facility Power umfasst neben dem Stromverbrauch für die IT zusätzlich noch die Stromkosten für die Infrastruktur, die den IT-Betrieb unterstützt. Das sind Systeme wie USVs, Schaltanlagen, Batterien, Kühlsysteme, Pumpen, Beleuchtung etc.

Nachhaltige Energiequellen

Bis 2025 sollen Rechenzentren ihren Strombedarf zu 75 Prozent, bis 2030 zu 100 Prozent mit nachhaltig erzeugter oder erneuerbarer Energie decken.

Wasserverbrauch senken

Bis 2022 werden die Betreiber von Rechenzentren ein jährliches individuelles Ziel für die effektive Wassernutzung (WUE, Water Usage Effectiveness) oder eine andere Metrik für die Einsparung von Wasser definieren. Die genaue Zielvorgabe für die Wassermetrik hängt von der Spezifikation des jeweiligen Rechenzentrums ab. Neue Rechenzentren sollen ihr Ziel bis 2025 erreichen, bestehende Rechenzentren bis spätestens 2030.

Mehr Reparatur und Recycling

Zudem wollen die Unterzeichner des Pakts für klimaneutrale Rechenzentren ihre Server, elektrischen Geräte und Komponenten prüfen, inwieweit sich diese wiederverwenden, reparieren oder recyclen lassen. Ziel ist es, die Menge der reparierten oder wiederverwendeten Server zu erhöhen und bis 2025 eine Einsatzquote festzulegen.

Die Wiederaufbereitung von IT-Hardware (Refurbished Hardware) bietet sich tatsächlich als nachhaltige und ressourcenschonende Alternative an. Hintergrund: Es ist ökologisch besser, Hardware so lange wie möglich zu nutzen. Die Green IT Solution GmbH hat sich auf Refurbished Hardware spezialisiert und leistet damit einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz. Das Unternehmen kauft vor allem Netzwerk-Komponenten wie Server, Router oder Switches an und bereitet sie wieder auf. Diese Geräte haben einen niedrigen Verschleiß und kommen meist von Kunden aus einer staubfreien und unbelasteten Umgebung. Damit ist der Aufwand für das Refurbishment im Vergleich zu anderen Geräten geringer. Zudem sind Server, Router und Switches sehr preisstabil und weisen auch nach fünf Jahren noch einen hohen Restwert auf.

Abwärme besser nutzen

Ein guter Weg, um Energie zu sparen, ist die Nutzung der Abwärme von Rechenzentren. Die Datacenter-Betreiber wollen daher Möglichkeiten prüfen, sich an Nah- und Fernwärmenetze anzuschließen und die Abwärme in nahegelegene Systeme umweltverträglich und kosteneffektiv einzuspeisen.

Das Problem: Die Abgabe der Abwärme lohnt sich für die Betreiber von Rechenzentren im Regelfall nicht, da Wärme vor allem im Winter benötigt wird. Und im Winter lassen sich die Datacenter wegen der kalten Außentemperaturen über eine freie Kühlung sehr effizient kühlen. Zudem gibt es in Deutschland derzeit zu wenig Netze, die die Abwärme aufnehmen könnten. Auch rechtliche und finanzielle Fragen sind noch offen.

Zertifikate und weitere Vorgehensweise

Die Vertreter der Rechenzentrums-Fachverbände und Unternehmen, die die Initiative unterzeichnet haben, sowie die Europäische Kommission werden sich künftig zweimal jährlich treffen, um den Status dieser Initiative zu überprüfen. Bis spätestens zum 1. Juli 2023 werden die Unterzeichner die Einhaltung der Initiative zertifizieren. Der erste Messzeitraum ist das Jahr 2022. Vier Jahre nach dem ersten Zertifikat ist eine Rezertifizierung notwendig – ein relativ langer Zeitraum.

Fazit: Die europäische Initiative für klimaneutrale Rechenzentren ist sehr zu begrüßen. Man kann nur hoffen, dass dieser Pakt kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern dass die Rechenzentrums-Branche die eigenen Vorgaben tatsächlich umsetzt. We will see.


Stefan Winklhofer