Dubai – Vom Öl-Reichtum zum kleinsten CO2-Abdruck der Welt?

Dubai
07 Sep 2021

Mit der Entdeckung seiner Ölreserven verwandelte sich das ehemalige Fischerdorf Dubai zur Metropole der Superlative. Größer, besser, schneller – das ist hier das Motto. Das neue Ziel der Wüstenstadt lautet, den kleinsten CO2-Fußabdruck der Welt zu erreichen. Doch passen Dubai und Umweltschutz wirklich zusammen?

2018 zählten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zu den Ländern mit den weltweit höchsten CO2-Emissionen pro Kopf. Als bevölkerungsreichstes Emirat mit über 3 Millionen Einwohnern ist Dubai hierbei ein bedeutender Verursacher. Gerade der enorme Bauboom dürfte die CO2-Belastung in die Höhe treiben. Trotzdem möchte Dubai zur Stadt mit dem kleinsten CO2-Abdruck der Welt werden. Dieses ambitionierte Ziel hat sich die Regierung im Rahmen ihrer Clean Energy Strategy bis 2050 gesetzt.

Wie Dubai nachhaltiger werden soll

Aus einer Stadt, die im Sommer ohne Klimaanlagen kaum zu ertragen wäre, soll nun neben einem bedeutenden Wirtschafts- und Innovationsstandort auch ein Vorzeigebeispiel für Nachhaltigkeit werden. Die Clean Energy Strategy sieht vor, bis 2050 75% des Energiebedarfs mit sauberen Energien zu decken. Im Vergleich mit Deutschland ist das kein außergewöhnlich hohes Ziel: Denn auch bei uns soll der Strom bis 2050 möglichst vollständig mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Ambitionierter hingegen ist Dubais Ziel zum weltweit kleinsten CO2-Fußabdruck – in der Stadt des höchsten Gebäudes und der größten Mall der Welt musste wohl auch bei den Klimazielen ein Superlativ her. Doch wie kann das erreicht werden?

Erster Schritt sind Investitionen in Milliardenhöhe. 27,2 Milliarden US-Dollar werden in einem Green Fund angelegt, womit erneuerbare Energien und ressourcenschonende Technologien finanziert werden sollen. Außerdem soll ein Innovationszentrum, das mithilfe von 3D-Druck gebaut wird, zur Forschung an neuen Techniken beitragen. Bis 2030 wird noch ein weiterer Rekordbau entstehen: Die größte Photovoltaikanlage der Welt, der Mohammed Bin Rashid Al Maktoum Solar Park. Dieser soll eine Kapazität von 5.000 MW bereitstellen und damit jährlich 6,5 Millionen Tonnen Emissionen einsparen. Auffallend an der Clean Energy Strategy ist, dass im Gegensatz zu europäischen Vorhaben nicht geplant ist, komplett auf Kohle und Nuklearenergie zu verzichten.

Dubais Vorzeige-Projekte: The Sustainable City und Expo 2020

2016 zogen die ersten Bewohner in „The Sustainable City“ ein – eine Öko-Gemeinde am Rand Dubais. Auf deren Beschreibung wären unsere Grünen-Politiker wohl neidisch: Denn Autos sind hier im Wohnbereich verboten, stattdessen gibt es Elektrobuggys, -räder und einen autonomen Shuttle. Solaranlagen auf den Häusern und über den Carports am Rand der Gemeinde sorgen für einen Teil der Stromversorgung. Die 500 L-förmigen Häuser spenden sich gegenseitig Schatten und senken so den Kühlaufwand durch Klimaanlagen. Außerdem sorgt die „Buffer Zone“ aus mehreren Baumreihen für gesunde Luft, weniger Lärm und Schatten für die eigenen Rad- und Laufwege. Dazu kommt die Obst- und Gemüseproduktion in eigenen Gewächshäusern, das Verbot von Einwegplastik in öffentlichen Gebäuden und ein Fitnessstudio, dessen Laufbänder Strom erzeugen.

Auch bei der diesjährigen Expo in Dubai ist Nachhaltigkeit eines der zentralen Themen. Im Sustainability District werden hierzu neue Technologien vorgestellt. Doch auch das Expo-Gelände selbst wurde laut den Veranstaltern möglichst nachhaltig erbaut. Die Zeit nach der Expo ist jedoch ebenso spannend: Denn 80% der Infrastruktur sollen auch nach der Ausstellung weitergenutzt werden – so entsteht die neue Smart City mit dem Namen District 2020. Aus den mit LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) zertifizierten Ausstellungs-Gebäuden werden dann unter anderem Wohn- und Büroräume, Schulen und Krankenhäuser. Bei der Expo 2015 in Mailand sah das noch anders aus: Hier bestand kein Gesamtkonzept zur Nachnutzung der Gebäude, weshalb Teile komplett abgerissen oder verschifft und an anderer Stelle wiederaufgebaut wurden. Dubais Pläne hören sich da durchdachter an – und vor allem nachhaltiger.

Warum ein nachhaltiges Dubai trotzdem nicht glaubwürdig ist

Nochmal zurück zum Öl: Dass dessen Förderung immer weniger Anteil an der lokalen Wirtschaft nimmt, war nicht gerade eine freiwillige Entscheidung Dubais. Denn das Öl wird nur noch ein paar Jahrzehnte lang reichen. Dass Dubai seine Abhängigkeit von diesem Wirtschaftszweig und von fossilen Energien im Allgemeinen reduziert, war also nur eine logische Konsequenz. Stattdessen etablierte sich die Stadt als Standort für Handel und Technologie und förderte den Tourismus. Wirtschaftliche Interessen stehen im Vordergrund des Handelns – beim Umweltschutz ebenso. Daraus wird auch bei der Clean Energy Strategy kein Geheimnis gemacht: Denn durch diese soll nicht nur die Umwelt geschont, sondern auch 190 Milliarden USD eingespart werden können.

Profit und Umweltschutz zu vereinen ist ja generell nichts Schlechtes. Aber das ist auch nicht der einzige Widerspruch zwischen Dubai und Nachhaltigkeit. Denn insbesondere die Lage der Stadt in der Wüste trägt nicht gerade zur Ressourcenschonung bei. Sonne ist hier zwar keine Mangelware und Solarenergie deshalb gut geeignet, dafür fehlt es umso mehr an Wasser. Dem gegenüber steht ein enormer Wasserverbrauch durch Klimaanlagen, Grünflächen und Attraktionen wie den Indoor-Skipark, Wassershows und riesige Pool-Landschaften. Sie fragen sich, wie dieser enorme Verbrauch gedeckt werden kann? Mithilfe der Entsalzung von Meerwasser. Die größten Anlagen der Welt gibt es – natürlich – in den VAE.

Nachhaltigkeitsfördernd sind die Entsalzungsanlagen aber nicht wirklich. Denn teilweise werden hier Korallen mit eingesogen, es gibt einen hohen Energiebedarf und es entstehen große Mengen an Sole. Diese wird zurück ins Meer geleitet und zerstört aufgrund ihres hohen Salzgehalts und ihrer Temperatur die Lebenschancen für Meeresorganismen in der Nähe der Anlage. Außerdem gelangen Chemikalien wie Chlor oder Kupfer ins Abwasser. Strenge Kontrollen gibt es hierfür wohl nicht.

Die Hitze in Dubai ist schon jetzt problematisch für Mensch und Umwelt. Doch es wird noch schlimmer. 2015 errechneten Forscher folgendes Szenario: Bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß werden die Temperaturen bis 2100 derart ansteigen, dass die Hitzewellen am Persischen Golf im Freien nicht mehr zu überleben wären. Über 60 Grad seien dann möglich. Da kann auch Dubais neuestes Projekt, das künstliche Erzeugen von Regen mithilfe von Elektroschocks, nicht mehr viel retten. Ob das sogenannte Cloud-Seeding dem Klima guttut? Darauf hat nicht mal der forschende Professor eine Antwort.

Fazit

Dubai ist bekannt für seine ambitionierten Ziele und Großprojekte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich das Emirat auch beim Thema Klimaschutz viel vornimmt. Als Standort der Expo 2020 und durch den Fokus auf Start-ups und neue Technologien hat Dubai gute Chancen, um innovative Möglichkeiten für den Umweltschutz zu finden. Pilotprojekte und neue Ideen werden hier aktiv gefördert und in rasantem Tempo umgesetzt. Trotzdem hinterlässt das Umweltziel Dubais einen faden Beigeschmack. Denn in der Stadt der Superlative ist der Ressourcen- und Energieverbrauch besonders hoch. Statt im großen Stil Unternehmen und Touristen in das Emirat zu locken und diese in Prestige-Gebäuden zu beherbergen, wäre es eigentlich nachhaltiger, mal einen Gang runterzuschalten. Da hilft es auch nicht, dass die Gebäude möglichst energieeffizient gebaut wurden. Ob sich der ausufernde Lebensstil und das Ziel zum kleinsten CO2-Abdruck der Welt wirklich vereinen lassen, wird die Zeit zeigen.


Julia Schuch